Mittwoch, 19. April 2017

Mit Design Thinking das Denken und Handeln verändern:

Design Thinking als erster Schritt in Richtung agilere Unternehmen?

Design Thinking hat sich in den letzten Jahren zum Megatrend entwickelt und gilt derzeit als einer DER Ansätze, um in multidisziplinären Teams schnell innovative Lösungen für komplexe Probleme zu entwickeln, sprich: Um Unternehmen in Zeiten des digitalen Wandels agiler zu machen. In einer weltweiten Studie von Deloitte University Press sehen 79% der befragten HR-Manager Design Thinking als einen der 10 wichtigsten Trends im Personalbereich an.(1)  Nicht nur Startups sondern auch immer mehr Großunternehmen wie etwa Tesla, IBM, SAP, oder die Deutsche Bank praktizieren die zuerst von David Kelley und Hasso Plattner entwickelte Methode. Und auch im sozialen Sektor findet Design Thinking bereits eine breite Anwendung.(2)

Design Thinking – ein klar strukturierter Prozess

Dabei ist Design Thinking weder wissenschaftlich-theoretisches Hexenwerk noch esoterische Wunderwaffe. Es gibt einen klar strukturierten Prozess mit definierten Regeln und die Methode ist im Grunde relativ einfach zu erlernen und anzuwenden. Doch das allein erklärt nicht die Verbreitung und den Erfolg des Ansatzes. Woher kommt die Beliebtheit von Design Thinking also? Warum kommen Teilnehmer regelmäßig mit glänzenden Augen, hochmotiviert, begeistert und in großer Verbundenheit mit den anderen Teilnehmern und der gemeinsam entwickelten Idee aus Design-Thinking-Workshops?

Meine Einschätzung und persönliche Erfahrung aus vielen Workshops: Im Design-Thinking-Prozess wird sehr direkt sichtbar und erlebbar, wie sich neue Verhaltensweisen und veränderte Denkansätze auf ein Team und die Qualität des gemeinsam erarbeiteten Ergebnisses auswirken. Design Thinking hilft, andere Verhaltensweisen und Denkansätze zu erproben und macht die Effekte unmittelbar erfahrbar.(3) 

Alte und festgefahrene Denkmodelle stoßen an ihre Grenzen

Denn wir alle erleben im aktuellen Umfeld exponentieller Veränderungen und zunehmender Komplexität, dass unsere bisherigen Denkmodelle an ihre Grenzen stoßen: Unser Glaube an Planbarkeit und Vorhersehbarkeit gerät ins Wanken; wir stellen fest, dass wir mit hierarchisch-strukturierten Herangehensweisen nicht die richtigen Antworten auf komplexe Probleme finden; dass der stetige Versuch der Fehlervermeidung sowie ein rein rational-systematisches Vorgehen nicht die erwünschten Ergebnisse – und schon lange keine innovativen Lösungen – hervorbringen.

Gleiches gilt für zwischenmenschliches Verhalten im geschäftlichen Kontext: Die vielen traditionellen Meetings oder klassischen Projektbesprechungen verlaufen wenig inspirierend und bringen keine wirklich neuen oder greifbaren Resultate. Die lauteste Stimme (die des "ausgewiesenen Experten" oder des ranghöchsten Teilnehmers) erhält das größte Gewicht, irgendwie kommen keine richtig guten Ideen zustande, und wenn doch, werden diese schnell wieder verworfen oder als nicht realisierbar abgestempelt ("dazu haben wir die Kompetenzen nicht, das macht der Wettbewerb schon, das hat noch nie funktioniert“). Resigniert stellen wir fest: "Unsere immer gleichen Denkmuster führen zu immer gleichen Lösungen".(4)

Die richtigen Bedinungen für Design Thinking

Design Thinking ist erfrischend anders. Nicht (oder nicht nur) weil wir mit bunten Post-its, Stiften, Knete und Bastelmaterialien in die Workshops gehen. Sondern weil Design Thinking – richtig durchgeführt! – uns anregt, unser Mindset bzw. unsere Geisteshaltung zu verändern. Und Design Thinking schafft – wiederum: richtig umgesetzt! – die notwendigen Bedingungen für ein Team, um gemeinsam mit Begeisterung gute Ergebnisse zu erarbeiten. 

Und diese Bedingungen haben per se erst einmal nichts mit Design Thinking zu tun. Sie sind die Grundlage für eine neue Qualität der Beziehung zwischen Mitgliedern eines Teams und die Art wie sie zusammenarbeiten. Design Thinking nutzt diese Bedingungen und macht sie sichtbar.

Zu diesen Bedinungen zählen:

  • Empathie: die konsequente Nutzerorientierung im Design Thinking erfordert unvoreingenommenes Zuhören, das Einnehmen unterschiedlicher Perspektiven und die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen.
  • Verbindung von Emotion und Ratio: im Design Thinking werden neben rationalen explizit auch emotionale Aspekte berücksichtigt. Beispielsweise wird durch das Arbeiten mit Personas nicht nur eine abstrakte Zielgruppe adressiert, sondern auch individuelle emotionale Aspekte betrachtet. Zusätzlich werden durch Spiel und Visualisierung Emotionen der Teilnehmer aktiviert.  
  • Raum für Intuition: durch die enge Taktung der einzelnen Prozess-Schritte sowie die konsequente Visualisierung von Ideen, werden die Teilnehmer im Design Thinking angeregt, ohne viel Nachdenken, aus dem Bauch heraus Ideen zu entwickeln und ihre Intuition zu nutzen. Dadurch entsteht im Optimalfall, was MIT-Professor Otto Scharmer „Hineinlehnen in die Zukunft“ nennt.(5)
  • Das Hinterfragen tradierter Sichtweisen: Design Thinking fordert explizit dazu auf, radikale Ideen zuzulassen, „durch die Decke zu denken“(6)  und Altbewährtes zu hinterfragen.
  • Diversität, Offenheit, Hierarchiefreiheit im Team: Design Thinking basiert auf der Zusammenarbeit in multidisziplinären, möglichst heterogenen Teams, in denen jeder eine gleichwertige Stimme hat. Zu den fundamentalen Regeln im Design Thinking gehört es, Kritik zurückzustellen und in konstruktive Anregungen umzuwandeln.
  • Sicherheit und Vertrauen: Spiel und Spaß werden im Design Thinking als wichtige Grundbedingungen für Kreativität genutzt.(7) Beides erfordert jedoch einen geschützten Raum und Vertrauen zwischen den Teilnehmern. Denn die Angst, sich lächerlich zu machen oder Fehler zu begehen, ist ein zentrales Hemmnis jeglicher Kreativitäts- und Innovations-Bestrebungen.  
  • Experimentelles Vorgehen: Design Thinking setzt auf iteratives Vorgehen, Ausprobieren und Lernen anstelle von Planung und Kontrolle, um mit Veränderungsdynamik und Komplexität umgehen zu können.

Design Thinking stärkt die Kommunikation im Team

Alle beschriebenen Elemente sind zentrale Voraussetzungen für eine motivierte, kreative und erfolgreiche Team-Zusammenarbeit – egal in welchem Zusammenhang. Der Erfolg von Design Thinking liegt meiner Einschätzung nach also darin begründet, dass die Methode die notwendigen Voraussetzungen für eine neue Qualität der Beziehungen zwischen Team-Mitgliedern und für die Freisetzung von Kreativität schafft.

Design-Thinking-Initiativen, die diese Bedingungen nicht erzeugen, sondern lediglich den Prozess basierend auf alten Denkmustern durchexerzieren, werden schnell ins Leere laufen. Ebenso haben Unternehmen und Individuen, die nach einem Design-Thinking-Projekt wieder zu altbewährten Denk- und Verhaltensmustern zurückkehren, wenig gewonnen.  

Das Denken verändern – durch Design Thinking

Gut umgesetzte Design Thinking Projekte und Programme sollten dazu inspirieren, das Denken zu verändern. Sie sollten dazu anregen, auch in größeren Kontexten, beispielsweise in der Strategie- und Personalentwicklung oder bei der Veränderung von Organisations- und Führungsstrukturen, die oben beschriebenen Voraussetzungen für eine neue Qualität der Zusammenarbeit zu schaffen. Design Thinking kann dazu ein erster Schritt sein.

Zur Autorin:

Nicole Dufft ist Strategieberaterin und Marktanalystin an der Schnittstelle von IT und Business. Als Independent Vice President verantwortet sie bei Pierre Audoin Consultants GmbH (PAC) das Themenfeld Digital Enterprise und berät IT-Unternehmen zu Wettbewerbs- und Positionierungsstrategien. Als unabhängige Beraterin unterstützt Nicole Dufft Unternehmen dabei, die Voraussetzungen für erfolgreiche Transformationsprozesse zu schaffen und ihre Kundenorientierung, Agilität und Innovationsfähigkeit zu stärken. Die ehemalige Geschäftsführerin von Berlecon Research ist zudem Board-Member und Strategic Advisor bei INOMICS.com. Für das betterplace lab forscht sie im Bereich digital-sozialer Innovationen, damit soziale Organisationen mit digitalen Technologien wirkungsvoller Gutes tun können.

Nicole Dufft hält regelmäßig Vorträge zu den Auswirkungen der Digitalisierung und moderiert im Rahmen von Innovationsprojekten Design Thinking und Co-Innovation Workshops. Sie erhielt ihr Diplom in Volkswirtschaft von der Universität Trier und war Stipendiatin des Advanced Studies Program am Kieler Institut für Weltwirtschaft.

 

Design Thinking Programm

Möchten Sie selbst Design Thinking kennen lernen und anwenden? Hier erfahren Sie mehr zum Design Thinking Programm der WHU: ee.whu.edu/dtp


Quellennachweise:
 (1) Deloitte University Press (2016): „Global Human Capital Trends 2016“
 (2) siehe zum Beispiel: www.whu.edu/die-whu/stiftung-whu/aktuelles/aktuelles-einzelansich/article/stiftung-whu-digitize-nonprofits-initiative/
 (3) siehe hierzu Impressionen aus dem Design Thinking Program der WHU: youtu.be/dqX52mKHtwQ
 (4) Torsten Breden (2017): „Resonanzfähigkeit als Grundlage einer neuen Führungspraxis“
 (5) Otto Scharmer (2016): „Theory U: Leading from the future as it emerges“
 (6) Jürgen Erbeldinger (2013): „Durch die Decke denken: Design Thinking in der Praxis“
 (7) Siehe hierzu den Ted-Talk von Tim Brown „Tales of Creativity  and Play“ www.ted.com/talks/tim_brown_on_creativity_and_play

Copyright: Fotolia.com / vege

Nicole Dufft

Teilnehmende während der Ideenfindung

Teilnehmende während einer Teambildungsübung